Welche IP-Schutzart benötigt eine Außenkamera für europäische Wetterbedingungen?

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Welche IP-Schutzart benötigt eine Außenkamera für europäische Wetterbedingungen?
Mehr als eine IP-Zahl

Eine hohe IP-Schutzart ist wichtig – aber noch kein Beweis für jahrelange Wetterfestigkeit.

Nach einem Starkregen funktioniert die Kamera oft noch; problematisch werden die folgenden Monate: Frost drückt auf Dichtungen, Sommersonne heizt das Gehäuse auf, Kondenswasser sammelt sich hinter der Frontscheibe. Die IP-Kennzeichnung prüft vor allem das Eindringen von Fremdkörpern und Wasser unter festgelegten Laborbedingungen. Sie bewertet nicht automatisch UV-Alterung, Korrosion, Temperaturwechsel oder die Belastung durch Wind, Salz und Schadstoffe.

Dabei steht die erste Ziffer für den Berührungs- und Staubschutz, die zweite für Wasser. IP66 ist staubdicht und gegen kräftige Wasserstrahlen geschützt; IP67 ergänzt einen zeitlich begrenzten Schutz beim Untertauchen. Für eine gewöhnliche Wand- oder Dachmontage ist IP67 deshalb nicht grundsätzlich besser als IP66: Entscheidend ist, ob Schlagregen, Spritzwasser oder zeitweise Überflutung realistisch sind. Eine Kamera unter dem Dachvorsprung benötigt andere Reserven als ein Gerät an einer frei bewitterten Fassade.

Zur tatsächlichen Außentauglichkeit gehören zusätzlich der zulässige Betriebstemperaturbereich, UV-beständige Kunststoffe, korrosionsfeste Schrauben und eine Konstruktion, die Wasser nicht an Kabeldurchführungen oder Steckverbindern sammelt. Die IP-Angabe beschreibt eine Schutzprüfung – nicht das gesamte Klima, in dem die Kamera dauerhaft bestehen muss.

Worauf zusätzlich zu achten ist
  • Für frei exponierte Standorte sind dokumentierte Temperaturgrenzen und UV-Beständigkeit mindestens so relevant wie IP66 oder IP67.
  • Bei Küstennähe oder Industrieatmosphäre entscheidet der Korrosionsschutz von Gehäuse, Halterung und Befestigungsmaterial über die Lebensdauer.
IP-Code lesen

Zwei Ziffern, zwei getrennte Aussagen

Erste Kennziffer: feste Fremdkörper

Sie beschreibt den Schutz gegen Berührung und das Eindringen fester Partikel. IP5X ist staubgeschützt; IP6X ist staubdicht.

Zweite Kennziffer: Wasser

Sie bewertet eine definierte Wasserbeanspruchung, etwa Spritzwasser, Strahlwasser oder zeitweiliges Untertauchen. Sie sagt nichts über Staub aus.

X statt einer Ziffer

Ein X bedeutet, dass die betreffende Schutzart nicht geprüft oder nicht angegeben wurde. IPX6 belegt daher Strahlwasserschutz, aber keine Staubklassifizierung.

Prüfbedingungen

DIN EN 60529/IEC 60529 prüft das Gehäuse unter festgelegten Laborbedingungen. Kabeldurchführungen, Wandanschlüsse und die reale Montage müssen den Schutz in der Praxis ebenfalls erhalten.

Schutzart verstehen

Was der IP-Code einer Außenkamera tatsächlich bescheinigt

Die Kennziffern müssen stets einzeln bewertet werden.

Der IP-Code nach DIN EN 60529 beziehungsweise IEC 60529 besteht aus zwei unabhängigen Kennziffern. Bei einer Kamera mit IP66 steht die erste 6 für den Schutz gegen feste Fremdkörper, die zweite 6 für den Schutz gegen kräftiges Strahlwasser. Daraus folgt weder automatisch Eignung für Untertauchen noch Beständigkeit gegen Sonne, Salznebel oder Frost.

Die erste Ziffer: Partikel bleiben außerhalb

Für fest montierte Außenkameras ist die erste Kennziffer oft die langlebigkeitsrelevantere Angabe. IP5X bedeutet „staubgeschützt“: Staub darf in begrenztem Maß eindringen, jedoch nicht so, dass der sichere Betrieb beeinträchtigt wird. IP6X bedeutet „staubdicht“: Im standardisierten Test darf kein Staub eindringen.

Dieser Unterschied ist in europäischen Außenlagen keineswegs theoretisch. Pollen, Straßenabrieb, Baustellenstaub und trockene Erdpartikel setzen sich über Jahre an Gehäusefugen, Schwenkmechaniken, Dichtungen und Kabelverschraubungen ab. Gelangt feiner Staub hinter die Abdeckung, kann er Kondensat binden, Kontakte belasten oder bei Infrarotkameras störende Reflexionen und Bildverschlechterungen begünstigen. Auch Insekten und Spinnweben sind zwar keine definierte IP-Staubprüfung, doch ein dicht konstruiertes Gehäuse reduziert typische Eintrittswege.

Deshalb ist IP6X als erste Ziffer für dauerhaft installierte Kameras in den meisten europäischen Klimazonen der robustere Mindestmaßstab. Das gilt besonders für Fassaden an Straßen, landwirtschaftliche Betriebe, Industriehöfe, Küstenstandorte mit Partikelbelastung und Anlagen in der Nähe von Bauflächen. IP5X kann bei geschützten, regelmäßig gewarteten Montageorten genügen; für eine mehrjährige Außeninstallation bietet IP6X jedoch mehr Reserve.

Die zweite Ziffer: Wasserbelastung passend zum Einbauort wählen

Die Wasserziffer muss zur tatsächlichen Exposition passen. IPX4 deckt Spritzwasser aus allen Richtungen ab und kann unter einem tiefen Vordach ausreichen. IPX5 steht für Wasserstrahlen, IPX6 für kräftige Wasserstrahlen. Für frei an Fassade, Mast oder Tor installierte Kameras ist IP66 daher häufig die sachgerechte Basisklasse: Sie kombiniert Staubdichtheit mit einer Reserve gegen windgetriebenen Regen und Reinigungswasser.

Höhere Wasserklassen sind nicht pauschal besser, sondern nur bei passendem Risiko erforderlich. IP67 oder IP68 betreffen zeitweiliges beziehungsweise dauerhaftes Untertauchen unter festgelegten Bedingungen. Sie sind für Überschwemmungsbereiche, bodennahe Montage oder Sonderanwendungen relevant, ersetzen aber keine Prüfung der Herstellerfreigabe für die konkrete Einbaulage.

Entscheidend bleibt die vollständige Installation. Eine IP66-Kamera verliert ihren praktischen Vorteil, wenn eine nicht passende Kabelverschraubung, ein offen liegender RJ45-Stecker oder eine nach oben geführte Kabeleinführung Wasser in die Anschlussdose leitet. Schutzart ist immer eine Eigenschaft des fertig montierten Systems, nicht allein des Kameragehäuses.

Von Spritzwasser bis Strahlwasser

Warum die höhere Wasserklasse an freien Fassaden entscheidend wird

Die zweite IP-Ziffer beschreibt nicht einfach, wie viel Regen ein Gehäuse „aushält“. Sie steht für einen definierten Wassereintrag unter festgelegten Prüfbedingungen. Daraus lässt sich eine belastbare Eignung ableiten – aber kein exakter Wetterbericht.

Was die Klassen im Alltag aussagen

  • IPX4 schützt gegen Spritzwasser aus allen Richtungen. Das passt zu einer Kamera unter einem ausreichend tiefen Vordach oder an einer geschützten Loggia. Regen, der zeitweise schräg an die Fassade schlägt, ist jedoch etwas anderes als die normierte Spritzwasserprüfung.
  • IPX5 widersteht Wasserstrahlen aus verschiedenen Richtungen. Diese Reserve ist für Außenkameras sinnvoll, die gelegentlich mit dem Gartenschlauch gereinigt werden oder an einer nur mäßig geschützten Wand hängen.
  • IPX6 ist gegen kräftige Wasserstrahlen ausgelegt. Für offene Fassaden, Giebel, Masten und Küstenlagen ist diese Klasse die praxistauglichere Untergrenze: Wind kann Regen in konzentrierten Bahnen gegen Kanten, Dichtungen und Kabelzuführungen drücken.
  • IPX7 steht für zeitweiliges Untertauchen unter den im Datenblatt genannten Bedingungen. Das ist für eine fest montierte Außenkamera selten der relevante Lastfall.

Starkregen ist kein Prüfaufbau

Schlagregen setzt ein Produkt gleichzeitig Winddruck, wechselnden Auftreffwinkeln, langen Belastungszeiten und oft Temperaturwechseln aus. Eine IP-Prüfung bildet jeweils nur den vorgesehenen Einzelfall ab. IPX6 bedeutet deshalb nicht, dass jede Montage bei jedem Unwetter bedenkenlos ist; es zeigt aber eine deutlich größere Dichtheitsreserve als IPX4.

Besonders wichtig: Die Schutzarten sind nicht automatisch aufwärtskompatibel. Eine Kamera mit IPX7 muss nicht zugleich IPX5 oder IPX6 erfüllen. Wer eine frei exponierte Kamera auswählt, sollte daher ausdrücklich nach IP65, IP66 oder IP67 suchen – und nicht allein aus der Ziffer 7 auf Strahlwasserschutz schließen.

Die Kennzeichnung schützt außerdem nur das geprüfte Gehäuse in seinem vorgesehenen Zustand. Ein nach unten gerichteter Kabelausgang, eine intakte Dichtung und eine zugentlastete Durchführung entscheiden in der Praxis oft mehr als der Unterschied zwischen zwei Datenblattzeilen.

Entscheidend
Die schwächste Stelle bestimmt die Außenfestigkeit

Eine IP66-Kamera verliert ihren praktischen Vorteil, wenn Wasser am Steckverbinder steht oder das Anschlusskabel Wasser in eine Durchführung leitet. Anschlussdose, Stecker und Kabelverschraubung sollten mindestens zur Einbausituation passen und so montiert sein, dass Wasser abtropfen kann.

Montageentscheidung

Die passende Schutzart nach Standort

Geschützte Lage: IP65
Unter Dachvorsprüngen, in tiefen Laibungen oder an wetterabgewandten Fassaden genügt IP65 meist als Mindestniveau. Voraussetzung ist, dass kein Wind Regen dauerhaft an die Kamera drückt und kein Wasser von oben über das Gehäuse läuft.
Freie Lage: IP66
An Masten, Gebäudeecken, freistehenden Wänden und ungeschützten Zufahrten ist IP66 die sachgerechte Wahl. Starkregen, Böen und die Reinigung mit einem Gartenschlauch belasten das Gehäuse dort deutlich stärker.
Überflutungsrisiko: IP67
IP67 ist sinnvoll, wenn zeitweiliges Untertauchen realistisch ist: etwa bei bodennahen Installationen in Senken, an überschwemmungsgefährdeten Zufahrten oder in Bereichen mit Rückstau.
Prüfzeichen genau lesen
Eine reine IP67-Angabe garantiert keine Strahlwasserfestigkeit. Für Standorte mit beiden Belastungen muss die Kennzeichnung ausdrücklich IP66/IP67 oder eine gleichwertig geprüfte Kombination ausweisen.
Standortprüfung

Vor der Montage gezielt prüfen

  • Regeneintrag bewerten

    Windrichtung, Dachkante und Fassadenvorsprünge entscheiden, ob Regen lediglich trifft oder mit Druck auf Dichtungen und Anschlüsse wirkt.

  • Wasserweg verfolgen

    Ablaufendes Dachwasser, Tropfkanten und Spritzwasser vom Boden dürfen weder Objektiv noch Kabelzuführung erreichen.

  • Höhe und Umgebung einbeziehen

    Bodennähe erhöht die Gefahr von Pfützen, Schneematsch und Spritzwasser; exponierte Mastmontagen erhöhen die Windlast des Regens.

  • Kabelanschluss separat absichern

    Die Schutzart des Kameragehäuses gilt nicht automatisch für RJ45-Stecker, PoE-Kupplungen oder Netzteile. Diese müssen in einer passenden Anschlussdose liegen.

  • Montageposition kontrollieren

    Dichtflächen, Kabelverschraubungen und Entwässerungsöffnungen müssen gemäß Herstellervorgabe ausgerichtet sein; eine falsche Kabelführung kann Wasser ins Gehäuse leiten.

Bildqualität draußen

Dicht ist nicht automatisch sichtbar

Warum IP66 allein keine belastbare Bildqualität garantiert

Eine IP66-Kamera hält Staub und kräftigem Strahlwasser stand. Daraus folgt jedoch nicht, dass sie bei Regen, nachts oder bei tief stehender Sonne verwertbare Aufnahmen liefert. Die Schutzart beschreibt die Unversehrtheit des Gehäuses, nicht die optische Leistungsfähigkeit des Gesamtsystems.

Regentropfen auf der Frontscheibe oder der Kuppel streuen Licht und können besonders bei Infrarotbeleuchtung helle Flecken erzeugen. Bei Dome-Kameras ist der Abstand zwischen IR-LEDs und Scheibe kritisch: Reflexionen im Gehäuse überstrahlen dann Teile des Bildes. Auch ein sauber abgedichtetes Gehäuse schützt nicht vor Kondensat auf der Außenseite oder – bei ungünstiger Druckausgleichskonstruktion – vor Beschlag im Inneren.

Weitere typische Ursachen für unbrauchbare Szenen sind:

  • Spinnweben und Insekten vor dem Objektiv; sie lösen bei Nacht häufig Fehlalarme aus und reflektieren IR-Licht.
  • Gegenlicht durch tief stehende Sonne, Straßenleuchten oder Scheinwerfer; WDR muss zur Kontrastsituation passen.
  • Nasse, verschmutzte Abdeckungen, die Kennzeichen und Gesichter weichzeichnen, obwohl die Sensorauflösung hoch ist.
  • Tropfkanten und Ablaufwege, die Wasser wiederholt über das Sichtfenster führen.

Wie stark diese Effekte Erkennung und Beweissicherheit beeinträchtigen, zeigt die Einordnung zum Witterungseinfluss auf Bildqualität und Kennzeichenlesung. Entscheidend sind Objektivposition, Lichtkonzept, Reinigungszugang und eine Probebildprüfung bei Tag, Regen und Dunkelheit.

Praxisregel
IP66 schützt die Elektronik, nicht die Sichtachse

Eine kleine Blende über dem Objektiv, ein ausreichender Abstand zu Wand und Fallrohr sowie getrennte IR-Beleuchtung können mehr Bildqualität bringen als der Sprung auf eine höhere IP-Stufe.

Belastung prüfen

Temperatur, Sonne und Eis separat bewerten

Das Datenblatt und die konkrete Fassadenlage entscheiden

Für europäische Außenstandorte muss der spezifizierte Betriebstemperaturbereich zur realen Lage passen. Eine Kamera an einer süd- oder westorientierten dunklen Fassade kann sich durch direkte Sonneneinstrahlung deutlich stärker erwärmen als die gemeldete Lufttemperatur vermuten lässt. Umgekehrt belasten Nordseiten, Höhenlagen und zugige Gebäudeecken dauerhaft Frost und Kondensationswechsel.

Relevant sind nicht nur die Grenzwerte, sondern auch Zusatzfunktionen und deren Freigaben:

Prüfpunkte im DatenblattWarum sie relevant sind
Betrieb und Lagerung bei MinustemperaturEinschalten nach Frost ist nicht immer abgedeckt.
Integrierte Heizung oder DefrosterVerhindert Beschlag und Eis, erhöht aber Leistungsaufnahme.
UV-beständige Kunststoffe und DichtungenUV-Alterung kann Abdeckungen vergilben und Dichtungen verspröden lassen.
Korrosionsschutz von Schrauben und HalterungKüstenluft, Streusalz und Mischmetallkontakte greifen die Montage an.

Vereisung ist ebenfalls kein IP-Thema: Eis auf Sichtfenster, Gelenken oder Kabelschlaufen kann die Kamera trotz dichter Elektronik funktionslos machen. Deshalb sollten Einbauhöhe, Dachüberstand, Tropfwasser, Sonneneinstrahlung und Revisionszugang vor der Auswahl gemeinsam geprüft werden. Die Schutzart ist damit eine notwendige Mindestanforderung – die dauerhafte Bildverfügbarkeit entsteht erst aus Kamera, Montageort und Wartungskonzept.

Entscheidende Details

Die Abdichtung endet nicht am Gehäuse

Warum Kabel, Steckverbinder und Wartungszugänge über die tatsächliche Wetterfestigkeit entscheiden.

Eine Kamera mit IP66 kann in der Praxis undicht werden, obwohl das Gehäuse selbst intakt ist. Besonders kritisch sind Kabelverschraubungen, RJ45-Stecker, PoE-Übergänge, Adapter und Serviceklappen. Dringt Wasser dort ein, kann es über das Kabel ins Gerät oder in die Netzwerkverbindung wandern; die Schutzart des Kameragehäuses hilft dann nur begrenzt.

Bei PoE-Installationen muss deshalb geklärt werden, welche IP-Schutzart bei PoE-Kameras und ihren Anschlüssen erforderlich ist. Ein frei hängender Standard-RJ45-Stecker ist nicht wetterfest. Er gehört in eine passende, dicht montierte Anschlussdose oder in ein vom Hersteller vorgesehenes, vollständig geschlossenes Verbindungssystem. Auch die Zugentlastung und der richtige Sitz aller Dichtungen sind Teil des Schutzkonzepts.

Typische Fehler bei der Montage

  • Kabel werden ohne Tropfschleife von oben in eine Durchführung geführt; Regen kann am Mantel entlang zur Dichtung laufen.
  • Eine Verschraubung wird für einen kleineren oder größeren Kabeldurchmesser verwendet und dichtet nicht radial ab.
  • Die Serviceklappe wird nach Inbetriebnahme nicht vollständig verriegelt oder ihre Dichtung wird gequetscht.
  • Nicht benötigte Öffnungen bleiben ohne Blindstopfen; bei manchen Modellen sind diese Stopfen Voraussetzung für die angegebene IP-Klasse.

IP67 bedeutet nicht „winterfest“. Die Kennziffer 7 beschreibt zeitweiliges Untertauchen unter festgelegten Laborbedingungen, nicht Widerstand gegen Eislast, Kondenswasser, Frost-Tau-Wechsel oder anhaltende Wasserstrahlen. IP68 ist ebenfalls keine pauschal höhere Outdoor-Garantie: Tiefe, Dauer und Prüfmedium müssen ausdrücklich in den Herstellerunterlagen stehen. Ohne diese Zusatzangaben bleibt die Bezeichnung unvollständig interpretierbar.

Vor dem Kauf sollten Datenblatt und Montageanleitung dieselbe Schutzart nennen. Zu prüfen sind außerdem der zulässige Temperaturbereich, Angaben zu UV- und Korrosionsbeständigkeit, die IP-Bewertung im montierten Zustand sowie konkrete Vorgaben für Kabeltyp, Steckverbinder und Anschlussdose. Entscheidend ist stets die schwächste Stelle der gesamten Installation.

Myth vs Fact
Irrtum
IP67 ist für Außenkameras grundsätzlich besser als IP66.
Tatsache

IP67 ersetzt den Strahlwasserschutz von IP66 nicht.

Einordnung

Die Prüfungen adressieren unterschiedliche Wasserbeanspruchungen.

Irrtum
Ein PoE-Stecker übernimmt automatisch die Schutzart der Kamera.
Tatsache

Stecker und Übergänge benötigen einen eigenen wetterfesten Aufbau.

Einordnung

Standardisierte RJ45-Verbindungen sind ohne Gehäuse oder Dichtsystem nicht für freie Bewitterung ausgelegt.

Irrtum
IP68 belegt uneingeschränkte Wintertauglichkeit.
Tatsache

Temperatur, Eis und Kondensation sind keine allgemeine Aussage der IP68-Kennziffer.

Einordnung

Untertauchparameter und Klimafestigkeit werden getrennt spezifiziert.

Kaufprüfung

Entscheidend sind auch Klima und Montage

  1. Klimafestigkeit des Gehäuses
    Neben IP6X/IP66 zählt ein dokumentierter Betriebsbereich mit Reserve für lokale Hitze und Frost. UV-stabilisierter Kunststoff, beschichtetes Metall und an Küsten nachgewiesener Korrosionsschutz verlängern die Lebensdauer.
    Darauf achten
    Klare Temperaturdaten sowie UV- und Korrosionsangaben
    Warnzeichen
    Unbestimmte Aussagen wie „wetterfest“ ohne Prüfwerte
  2. Abdichtung bis zur Wand
    Kabelverschraubung, Steckverbinder, Netzteil und Wandhalterung müssen zur Schutzart passen. Passendes Zubehör, verfügbare Ersatzdichtungen und eine Außenmontage einschließende Garantie sichern die Investition.
    Darauf achten
    Gedichtete Durchführung, geeignete Halterung und eindeutige Garantiebedingungen
    Warnzeichen
    Offene Stecker, improvisierte Dichtmasse oder Garantieausschlüsse
Akkukameras
Dichtheit ersetzt keine Kältereserve

Eine IP66-Kamera kann bei Regen dicht bleiben und im Frost dennoch ausfallen: Die Schutzart bewertet nicht die verfügbare Akkukapazität. Die Frage, wie Temperatur Akku und Laufzeit beeinflusst, ist separat zu prüfen. Maßgeblich sind Mindestbetriebstemperatur, Ladefreigabe bei Kälte und Reserve für kurze Wintertage.

Fazit

Die Schutzart am tatsächlichen Einbauort ausrichten

  • Die IP-Angabe muss für die komplette Installation gelten: Gehäuse, Steckverbinder, Durchführung, Netzteil und Montagezubehör.
  • Eine höhere Wasserziffer ist kein Ersatz für geprüfte Temperaturgrenzen, UV-Beständigkeit und korrosionsfeste Materialien.
  • Bei nachträglich verlegten Kabeln sind die Vorgaben des Herstellers zu Dichtstopfen, Biegeradien und zulässigen Leitungsdurchmessern einzuhalten.

Unter einem ausreichend tiefen Dachüberstand, ohne direkten Schlagregen und mit geschützter Kabelführung ist IP65 in der Regel die sachgerechte Wahl. An Fassaden, Pfosten oder Gebäudeecken, die Regen und Wind ungebremst ausgesetzt sind, bietet IP66 die belastbarere Reserve gegen Strahlwasser. IP67 ist vor allem dann sinnvoll, wenn zeitweiliges Untertauchen durch Rückstau, Pfützenbildung oder Überflutung am Montageort tatsächlich möglich ist; es ist kein allgemeiner Qualitätsaufschlag.

Entscheidend ist der Abgleich von Datenblatt, Montageanleitung und konkretem Standort. Die Schutzart muss ausdrücklich für die vorgesehene Einbaulage gelten, während Anschlussbox, Kabelverschraubung und Stromversorgung ebenso wetterfest ausgeführt werden müssen. Erst diese Gesamtsicht verhindert, dass ein formal dichtes Kameragehäuse an einer offenen Verbindung zur Schwachstelle wird.

9 Kommentare zu „Welche IP-Schutzart benötigt eine Außenkamera für europäische Wetterbedingungen?“

  1. Avatar von Saskia Vogel
    Saskia Vogel

    Mir fehlt ein bisschen der Punkt Kondensation im Inneren. Eine Kamera kann außen dicht sein und trotzdem bei starken Temperaturwechseln beschlagen, oder? Gerade an der Nordseite unseres Hauses gibt es im Frühjahr ständig feucht-kalt und dann Sonne.

    Gibt es dafür überhaupt eine Kennzeichnung, auf die man beim Kauf achten kann, oder bleibt nur Erfahrung mit dem Hersteller?

    1. Avatar von Jesper Olsen
      Jesper Olsen

      Richtig: Die IP-Prüfung sagt kaum etwas über Beschlag durch innere Feuchte und Temperaturwechsel aus. Hilfreich sind dokumentierte Betriebs- und Lagertemperaturen, Hinweise auf Druckausgleich oder Anti-Beschlag-Heizung sowie belastbare Erfahrungen zur Serie. Eine eigene, allgemein vergleichbare „Kondensations-IP-Klasse“ gibt es für solche Kameras aber nicht.

    2. Avatar von Felix
      Felix

      Bei günstigen Modellen ist das leider oft der Knackpunkt. Meine hatte IP66 auf dem Karton, aber bei Frost war die Kuppel innen milchig. Die Heizung bei der Ersatzkamera macht einen riesigen Unterschied.

  2. Avatar von Gerd
    Gerd

    Die Angabe zur Temperaturspanne finde ich fast wichtiger als IP. Meine alte Kamera lief laut Datenblatt bis -10 °C, hier im Mittelgebirge hatten wir aber schon -16. Bild da, Schwenkfunktion tot. Kein Herstellerfehler im engeren Sinn, trotzdem ärgerlich.

  3. Avatar von Ralf Schuster
    Ralf Schuster

    Der Hinweis zu den Steckern ist Gold wert. Ich habe einmal eine angeblich IP66-Kamera montiert und nach einem Herbst war nicht das Gehäuse, sondern der ungeschützte RJ45-Verbinder das Problem.

    Seitdem kommt bei mir jede Verbindung in eine passende Abzweigdose, mit Tropfschleife am Kabel. Die Produktbilder suggerieren leider oft: anschrauben, Kabel baumeln lassen, fertig. 🙄

    1. Avatar von Jesper Olsen
      Jesper Olsen

      Genau das ist ein typischer Praxisfehler. Die IP-Angabe bezieht sich häufig auf das geschlossene Gerät beziehungsweise auf die vorgesehene Anschlusskonfiguration, nicht auf frei hängende Steckverbindungen. Abzweigdose, geeignete Kabelverschraubung und Tropfschleife sind daher oft wichtiger als der Sprung von IP65 auf IP67.

    2. Avatar von Nina
      Nina

      Kann ich bestätigen. Bei uns war es sogar Kondenswasser in der Dose, weil die Verschraubung nicht zum Kabeldurchmesser gepasst hat. Also auch die Dose selbst nicht einfach irgendeine nehmen.

  4. Avatar von Holger
    Holger

    Bei uns an der Küste ist nicht der Regen das Thema, sondern Salzluft. Bringt eine höhere IP-Zahl da wenigstens indirekt etwas, weil weniger Feuchtigkeit ans Metall kommt? Oder muss man gezielt nach korrosionsbeständigem Material suchen?

  5. Avatar von Uwe
    Uwe

    Was bedeutet „kräftiges Strahlwasser“ in der Realität? Normaler Starkregen ist ja kein Hochdruckreiniger. Reicht für eine frei stehende Gartenkamera nicht eigentlich IP65 vollkommen aus?

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