Home / Bitcoinblog.de / Wie Euros auf die Welt kommen – und was das für Blockchain-Geld bedeuten könnte

Wie Euros auf die Welt kommen – und was das für Blockchain-Geld bedeuten könnte

Wie entstehen Euros? Was ist der Unterschied zwischen Zentralbankgeld und Buchgeld? Kann man die Europäische Zentralbank mit einem Miner vergleichen? Und wie verhält sich das Lightning Netzwerk zum Bankenwesen? So viele Fragen. Zeit, einige Antworten zu suchen.

Wir haben hier so oft darüber geschrieben, wie die Geldeinheiten von digitalen Währungen entstehen. Durch Miner (PoW), Staker (PoS), delegierte Staker (PDOS) oder per ursprünglicher Ausgabe (ICO). Worüber wir nicht geschrieben haben, ist, wie herkömmliches Geld wie Euro entsteht.

Das Thema ist ein wenig vertrackst, und ich bin kein Experte, aber nachdem ich ein wenig recherchiert habe, meine ich, einigermaßen Klarheit zu haben. Besonders hilfreich waren hier übrigens die Info-Seiten der Bundesbank.

Die EZB als kaiserlicher Miner

An sich ist diese Frage recht einfach zu beantworten: Euro im reinen Sinn kann nur die Europäische Zentralbank (EZB) erzeugen. Sie ist der oberste und einzige Euro-Miner, und fast alles Geld, das in Umlauf ist, ist eine Art Schuld bei der EZB. Ein wenig hallt hier noch die feudalistische Gesellschaftsordnung durch, in der jeder Grundbesitz ein “Lehen” – also eine Leihgabe – des Kaisers war. Im System der europäischen Banken nimmt die EZB demnach die Stellung des kaiserlichen Hofes ein.

Um Geld zu erschaffen, gewährt die EZB einer Bank eine sogenannte Sichteinlage für das sogenannte Zentralbankgeld. Das Zentralbankgeld ist an sich das einzige echte virtuelle Geld, und eine Sichteinlage kann man sich als einen Eintrag in einem Kontobuch wie der Bitcoin-Blockchain vorstellen. Man könnte sagen, dass die Blockchain des Zentralbankgeldes zweifach zugangsbeschränkt ist: Nur die Zentralbank darf minen, und nur die Banken dürfen Transaktionen ausführen.

Ähnlich wie die Bitcoin-Miner erschafft die Zentralbank damit Geld aus dem Nichts. Anders als die Miner kann die Zentralbank das Geld jedoch nicht für sich schöpfen, sondern nur für die Banken. Dafür verlangt sie von diesen eine Gegenleistung: Entweder müssen sie einen zinspflichtigen Kredit bei der Zentralbank aufnehmen, oder sie müssen ihr einen Vermögenswert übertragen, etwa Staatssschulden. Die Bank kann diese Sichteinlage als Mindestreserve für den Zahlungsverkehr ihrer Kunden nutzen (dazu kommen wir gleich), oder sie kann sie gegen Bargeld eintauschen, um dieses ihren Kunden auszuzahlen. Die EZB lässt dann Geldscheine drucken und Münzen prägen und liefert diese zur Bank. Der Druck der Scheine wird von den nationalen Zentralbanken wie der Bundesbank bei privaten Druckereien beauftragt, während die Münzen von Prägeanstalten in Regierungsbesitz geprägt werden.

Wenn eine Bank einen Kredit bei der EZB mit Zentralbankgeld zurückzahlt, wird die Sichteinlage geschlossen und das Zentralbankgeld effektiv vernichtet. Dies zeigt vielleicht deutlicher als alles andere, dass Geld an sich auf Schulden oder Versprechungen beruht. Bei manchen Token auf Bitcoin oder Ethereum finden wir dies wieder. So werden die Dollar-Token Tether gelöscht, wenn jemand sie zurückgibt, um Dollar auszuzahlen. Gewöhnlich werden die Token eliminiert, indem man sie an eine Adresse sendet, zu der niemand den Schlüssel hat. Doch die Ethereum-Entwickler planen auch schon eine “Kill”-Funktion für ERC20-Token, welche Token nicht nur effektiv zerstört, sondern auch die Gesamtanzahl der existierenden Token reduziert.

Das Zentralbankgeld wird die Geldmenge M0 oder monetäre Basis genannt. Sie deckt das umlaufende Bargeld sowie die Sichteinlagen der Banken bei der Zentralbank ab. Derzeit beträgt sie etwa 3,1 Billionen Euro. Die tatsächlich benutzte Geldmenge ist jedoch deutlich höher.

Die Banken und ihre Buchgeld-Sidechains

Die mengenmäßig größte Form der Geldschöpfung beginnt bei den Banken und läuft ähnlich ab wie bei der Zentralbank: Die Banken vergeben ihren Kunden einen Kredit und schreiben diesen als neu geschöpftes sogenanntes Buchgeld auf dessen Konto gut. Dies können die Banken nicht unbegrenzt machen. Sie benötigen eine Mindestreserve an Zentralbankgeld auf einem Konto der EZB von ein Prozent des Buchgeldes. Wenn eine Bank also eine Million Euro an Zentralbankgeld hat, kann sie ihren Kunden 100 Millionen Euro gutschreiben.

Dieses Buchgeld ist offensichtlich nicht gleichwertig wie das echte Zentralbankgeld. Da die Bank jedoch garantiert, dass sie das Buchgeld in Banknoten wechselt (etwa am Automat), und da es so gut wie überall als Zahlungsmittel akzeptiert ist, genießt das Buchgeld im öffentlichen Zahlungsverkehr dieselbe Wertigkeit wie das Zentralbankgeld. Logischerweise gibt es sehr viel mehr Buchgeld als Zentralbankgeld. Wenn man zur monetären Basis die Sichteinlagen von Bankkunden hinzurechnet, erhält man die Geldmenge M1, die derzeit etwa 7,8 Billionen Euro beträgt. Fügt man noch die diversen, längerfristig gebundenen Spareinlagen der Bankkunden hinzu, landet man bei der Geldmenge M2, die derzeit etwa 11,2 Billionen Euro ausmacht.

Interessant wird es, was passiert, wenn der Kunde einer Bank Buchgeld an einen Kunden einer anderen Bank überweist. Denn die Bank kann nicht einfach das Geld, das sie erschaffen hat, an eine andere übertragen. Stattdessen werden die Sichteinlagen bei der Zentralbank angepasst. Dies geschieht aber nicht bei jeder Überweisung, sondern wird nach Ablauf einer bestimmten Zeit verrechnet. Dazu geben die Banken ihre Transaktionen an sogenannte SEPA-Clearer, wie STEP2 der Euro Banking Association oder das Clearinghaus der deutschen Bundesbank. Diese sammeln die Überweisungen, balancieren sie aus und geben sie erst danach an die EZB weiter.

Nehmen wir an, ein Kunde der Volksbank Ulm-Biberach überweist einem Kunden der Commerzbank 100 Euro. An sich müsste dann die Sichteinlage der Volksbank Biberach um 100 Euro gesenkt, und die der Commerzbank um denselben Betrag erhöht werden. Wenn nun aber ein anderer Kunde der Commerzbank einem anderen Kunden der Volksbank Ulm-Biberach 80 Euro sendet, bleibt nur noch eine Anpassung der Sichteinlagen um 20 Euro übrig. Und so weiter. Indem die Zahlungen so aggregiert werden, können die Banken ihre Zahlungsverpflichtungen erfüllen, obwohl nur ein Prozent des Buchgeldes durch Zentralbankgeld gedeckt wird.

Man könnte sagen, die Banken benutzen Sidechains oder Netzwerke von Payment-Channels, bevor eine Überweisung die Mainchain bei der EZB erreicht. Ein sehr ähnliches Modell wird von Bitcoin angestrebt, wo die Größe der Basis-Blockchain gering gehalten werden soll, während weitere Schichten wie das Lightning Netzwerk den Massenzahlungsverkehr ermöglichen sollen.

Überraschende Ähnlichkeiten

Die finale Überweisung an die EZB – also die Aufforderung, Sichteinlagen anzupassen –  geschieht in der Regel mit dem Instrument Target2, das auch dafür benutzt wird, um europaweite Eilzahlungen vorzunehmen. Target2 hat einige verblüffende statistische Gemeinsamkeiten mit Bitcoin: Einzelne Transaktionen kosten, je nach Aufkommen, zwischen 10 und 65 Euro-Cent – was nahe am Gebührenniveau von Bitcoin liegt – und die tägliche Anzahl an Transaktionen ist mit etwa 340.000 fast identisch mit Bitcoin. Der Wert ist mit 1,7 Billionen Euro aber ungleich höher.

Man kann die Bitcoin-Blockchain mit dem Kontobuch der Sichteinlagen der EZB vergleichen, und sogenannte “Second-Layers” bei Bitcoin, wie Sidechains oder vor allem das Lightning Netzwerk, mit den SEPA-Clearern, die Zahlungen zwischen den Banken zunächst ausgleichen, bevor sie sie die Anpassung der EZB-Sichteinlagen anweisen. Für einen Zahlungsraum der Größe der Eurozone scheint die Kapazität, die Bitcoin derzeit hat, auszureichen, um als Basis-Schicht zu dienen.

Es gibt jedoch einige gravierende Unterschiede zwischen dem Lightning Netzwerk und den Netzwerken der Banken: Erstens entsteht bei Lightning kein Buchgeld, sondern jede Zahlung ist zu 100 Prozent gedeckt. Zweitens kann jeder Kunde direkt mit der Basis-Schicht und den Clearing-Netzwerken interagieren. Er kann ja jederzeit eine echte Bitcoin-Transaktion bilden oder einen Payment Channel mit einer beliebigen anderen Partei aufbauen. Lightning verspricht also, die Vorteile des Bankensystems zu kopieren, aber auf die Nachteile zu verzichten und die Elemente, welche Bitcoin wertvoll machen, zu erhalten.

Können Lightning-Hubs zu den neuen Banken werden?

Man könnte nun natürlich noch über Szenarien nachdenken, in denen Lightning dem herkömmlichen Bankenwesen näherkommt und sich Superknoten ausbilden, die ähnliche Funktionen übernehmen wie Banken. All das ist rein hypothetisch; um ernsthafte Aussagen zu machen, fehlt mir noch das Wissen. Ich fand es aber äußerst spannend, darüber nachzudenken.

So wäre es vorstellbar, dass beispielsweise der Zugang aller zur Mainchain – also zu echten Bitcoin-Transaktionen – eingeschränkt wird, wenn die Gebühren prohibitiv hoch werden. Oder es könnte sich innerhalb des Lightning Netzwerkes ein Subnetz von Hubs bilden, die viele große Channels unterhalten, und diese könnten etwa dahingehend reguliert werden, dass sie nur Channels zu Kunden oder anderen regulierten Hubs aufrecht halten. In dem Fall könnte es dazu kommen, dass Nutzer zumindest bei größeren Zahlungen einen direkten Channel mit einem Hub benötigen. Lightning-Hubs könnten hier die Rolle des Torhüters zu echten Bitcoin-Transaktionen spielen, ähnlich wie die Banken für die Transaktionen mit echtem Zentralbankgeld.

Weiter sind auch Szenarien vorstellbar, in denen das Lightning Netzwerk zu einem Teilreserve-System führen könnte. Beispielsweise könnten Hubs Zahlungen ihrer Kunden prozessieren, auch wenn diese nicht vollständig durch einen Channel gedeckt sind. Oder das Netzwerk der großen Hubs könnte durch einen fließenden Ausgleich der Guthaben nur einen Bruchteil der in den Channels gespeicherten Coins benötigen, um ihre Zahlungsverpflichtungen zu erfüllen, also Zahlungen der mit ihnen verbundenen Knoten weiterzuleiten. Auch können solche Hubs spielerisch Online-Wallets anbieten, die nur durch einen Bruchteil der den Kunden gutgeschriebenen Bitcoins gedeckt sind, oder mehreren Kunden denselben Payment-Channel zuweisen.

Es gibt relativ viele – rein hypothetischen – Möglichkeiten, wie sich die Hubs im Lightning Netzwerk ähnlich wie Banken entwickeln können. Gleichzeitig gibt es aber ebenso viele und noch mehr Möglichkeiten, dass sie sich komplett anders entwickeln. Einen Hinweis, dass solche Entwicklungen geplant sind, ist mir nicht bekannt, und es dürfte jedem klar sein, dass eine Einführung von Bitcoin-Buchgeld auf einen erheblichen Widerstand der Szene stoßen wird. Es ist unwahrscheinlich, dass dies überhaupt akzeptiert wird.

Börsen und Online-Wallets hätten zudem schon längst die Möglichkeit gehabt, echte Bitcoins als Teilreserve zu nutzen, um Buchbitcoins per Kreditvergabe zu erzeugen. Viele Handelsplattformen, etwa Bitcoin.de, verwahrt 98 Prozent der Kundenbitcoins auf Cold Wallets. Die verbleibenden zwei Prozent reichen aus, um die alltäglichen Zahlungsverpflichtungen einzulösen. Es wäre längst möglich gewesen, eine Bitcoin-Bank zu bilden, die mit 10 Prozent Reserve-Bitcoins ein digitales Buchgeld erzeugt. Dies geschah aber noch nicht.

Daher sind Überlegungen, wie Lightning das Bankenwesen dupliziert, bisher nicht mehr als ein interessantes Gedankenspiel.

Den ganzen Artikel findest du hier:Quelle

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Top

By continuing to use the site, you agree to the use of cookies. more information

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close