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Die Sache mit den illegalen Daten auf der Blockchain …

Derzeit macht wieder eine skandalöse Meldung über Bitcoin die Runde: Deutsche Forscher “entdecken“, dass die Bitcoin-Blockchain Kinderpornographieverbreitet“, weshalb Bitcoin nun womöglich illegal wird. An dem Satz ist fast alles irgendwie falsch.

Worum geht es?

Zunächst ist das, was die Forscher angeblich gefunden haben, eigentlich so frisch wie kalter Kaffee. Es ist schon sehr lange bekannt, dass man auf einer Blockchain auch andere Daten als Transaktionen speichern kann. Ich habe darüber schon 2014 ausführlich geschrieben.

Es gibt verschiedene Methoden, um Botschaften oder Bilder auf die Blockchain zu bringen. Am gebräuchlichsten ist es, eine Nachricht per OP_Return in eine Transaktion zu packen, was den Vorteil hat, dass man die Nachricht “prunen”, also von individuellen Nodes löschen kann. Ebenfalls beliebt, aber sehr viel brachialer ist es, die Nachricht in Output-Adressen zu packen. Das hat den Nachteil, dass die Nachricht für alle Zeiten Teil des UTXO-Sets wird, welches der nicht-löschbare minimale Datensatz ist, den ein Node braucht.

An der Frage, ob das gut oder schlecht ist, scheiden sich die Geister. Ich selbst mag die Idee, die Blockchain auch als ewigen, unzensierbaren Speicher historisch wichtiger Zeugnisse zu verwenden, als eine Art Gedächtnis der Menschheit.

Man kann es aber auch Missbrauch nennen. Schließlich ist Bitcoin ein dezentrales Geld und kein dezentraler Cloudspeicher, und das Nutzen der Blockchain als solchen konsumiert rare Ressourcen, die das Netzwerk eigentlich für Transaktionen braucht. Wenn dazu noch echte Outputs anstatt OP_Return benutzt werden, kann man es gar als Angriff verstehen, da es die Funktionalität von Bitcoin langfristig unwiderruflich reduziert.

Ein Beispiel für einen solchen Raubbau ist Cryptograffiti.info, eine Seite, über die man Daten auf der Blockchain lesen und schreiben kann. Cryptograffiti läuft seit kurzem ausschließlich auf der Bitcoin Cash Blockchain und speichert Infos über Outputs. Wer darauf stöbert, findet unter anderem: Ein Auszug aus einer an den Österreichern angelehnten Geldtheorie, das Gedicht “Remember, Remember! The Sixth of November”, ein Bild von Panzern auf dem Tian’anmen-Platz nebst einem politischen Traktat eines Chinesen, ein wissenschaftlicher Aufsatz über Double Spends, Liebeserklärungen und vieles mehr. Insgesamt speichert Cryptograffiti derzeit aber nur eine Handvoll solcher Nachrichten am Tag.

Auf der Blockchain sieht das etwa so aus. Diese Transaktion konsumiert 62 Kilobyte an Blockspeicher. In den Outputs speichert sie sowohl ein Bild des Tian’anmen Platzes, Byte für Byte, nebst des Traktats.

Suspekte Daten auf der Blockchain

Neu ist nun eigentlich nur, dass einige Forscher, überwiegend von der Exzellenz-Hochschule RWTH Aachen, ein Paper über diese Daten geschrieben haben. Nach einem lesenswerten Überblick über die Methoden, Daten in die Blockchain zu bringen, scannen sie diese nach Nachrichten und Bildern, um diese quantitativ und qualitativ auszuwerten.

Die quantitativen Ergebnisse sind interessant: Es liegen etwa 118 Megabyte an Daten auf der Kette, von denen die wieder löschbaren OP_Return-Transaktionen rund 80 Prozent ausmachen. Kaum mehr als 10 Megabyte blähen als unlöschbare Nachrichten das UTXO-Set auf. Der Raubbau hält sich also in engen Grenzen. Es ist zwar vorstellbar, dass er in Zukunft wächst, doch bis dahin bleibt wohl noch eine Menge Zeit. Eventuell werden die Miner es nicht zulassen, dass daraus eine Gefahr erwächst, und eventuell werden die Miner daraus ein Geschäftsmodell machen, um günstige Transaktionen quer zu subventionieren.

Bedrohlicher als die Quantität scheint die Qualität der Daten zu sein. Denn die Forscher haben Inhalte mit rechtlich fragwürdigem Status entdeckt:

  • Urheberrechtsverletzungen (ein Buch, zwei Whitepaper)
  • Verletzungen der Privatsphäre (Chat-Logs, Emails, zum Teil sogar Klarnamen inklusive Adresse)
  • Politisch sensibles Material (WikiLeaks-Daten, ein Zeitungsbericht über demokratische Proteste in Hong Kong)
  • Illegale Inhalte (zwei Listen mit Links zu kinderpornographischen Seiten im Tor-Netzwerk sowie ein tendenziöses Bild)

Damit wären wir beim Aufreger. Denn die Wissenschaftler gehen nun davon aus, dass ihr Fund eine gute Grundlage darstellt, um Bitcoin und Blockchains im Generellen zu verbieten.

“Zusammengefasst haben wir ein weites Spektrum zweifelhafter Inhalte gefunden, die einen direkten Schaden anrichten können, wenn ein User sie besitzt. Anders als bei sozialen Medien, File-Sharing-Netzwerken oder Onlinespeichern können die Inhalte auf der Blockchain anonym und unwiderruflich gespeichert werden. Da die User alle Blockchain-Daten herunterladen und dauerhaft speichern, sind sie verantwortlich dafür, wenn irgendein zweifelhafter Inhalt von anderen auf die Blockchain geladen wird.”

Konsequenterweise “wäre es illegal, in einem Blockchain-basierten System teilzunehmen, sobald es illegale Inhalte enthält.” Zwar gibt es hierzu noch keinen Gerichtsbeschluss, “doch angesichts der juristischen Texte gehen wir von einem hohen Potenzial aus, dass illegale Inhalte in Zukunft zur Gefahr für Blockchain-basierte Systeme wie Bitcoin werden.” Beim extremsten Fall von illegalem Material – Kinderpornographie – ist es in den USA, in England und in Irland etwa verboten, Daten zu besitzen, die in eine visuelle Repräsentation des Inhalts konvertiert werden können. In Deutschland machen sich Personen strafbar, wenn sie wissentlich solche illegale Daten besitzen.

Man könnte also argumentieren, dass man bereits heute eine Straftat begeht, wenn man einen Full Node betreibt.

Ernsthaft?

Natürlich könnte man jetzt in Panik verfallen, und augenblicklich jede Blockchain, die man auf seinem Rechner hat, löschen. Alternativ kann man aber auch Ruhe bewahren. Denn es ist nicht allzu wahrscheinlich, dass die Voraussagen der Forscher Wirklichkeit werden.

Rein nach den Buchstaben des Gesetzes könnten sie recht haben. Wer eine Blockchain herunterlädt, speichert alle Daten, die auf ihr liegen, und wenn es allgemein bekannt ist, dass diese Blockchain illegale Daten enthält, könnte er sich dann auch nicht mehr damit herausreden, dass Unwissenheit vor Strafe schützt. Inwieweit das heute schon gegeben ist, ist aber trotz der weiten Berichterstattung zum Thema unklar. Denn strafrechtlich relevant ist vermutlich nur das eine Bild, das die Forscher in den Outputs gefunden haben. Es zeigt “ein junges, mild nacktes Mädchen”, wie die Autoren es umschreiben. Sie sind sich unsicher, ob es wirklich die Anforderungen an Kinderpornographie erfüllt.

Meldungen, dass die Blockchain Kinderpornographie enthält, sind demnach also voreilig.

Aber selbst wenn es so wäre – am Ende sind es nicht Buchstaben, sondern Richter und Anwälte, die die juristische Realität schaffen. Dabei orientieren sie sich nicht ausschließlich an Gesetzestexten, sondern auch an Maßhaltung und vernünftigem Menschenverstand. Und diese sprechen klar gegen ein Verbot.

Zum einen, weil es keinen Effekt hätte. Wenn man es hier in Deutschland verbietet, einen Bitcoin-Node zu betreiben, erreicht man absolut nichts im Kampf gegen die Verbreitung illegaler Daten. Denn die einzige Möglichkeit, über einen individuellen Node Daten zu beziehen, ist es, sich von diesem die Blockchain herunterzuladen. Anschließend müsste man sich ein Skript bauen, das die Kette, Block für Block, nach Nachrichten oder Bildern scannt, und dann jeden gefundenen Inhalt einzeln ansehen. Einfacher geht es natürlich, wenn man die Transaktion-ID kennt, die die Nachricht enthält. Doch dann könnte man auch gleich (und sehr viel einfacher) einen Blockexplorer benutzen, der irgendwo im Niemandsland gehostet wird.

Im Gegensatz zu diesem absolut irrelevanten Effekt stehen Aufwand und Schaden. Das Betreiben eines Bitcoin-Nodes zu verbieten dürfte nahezu unmöglich sein, ist aber auf jeden Fall extrem aufwändig, vor allem wenn Nodes über Tor oder VPNs laufen. Man würde tausende von Menschen kriminalisieren, ohne dass diese überhaupt wirklich wüssten, weshalb, noch kriminelle Intentionen hatten (es sind derzeit knapp 2.000 Bitcoin und knapp 200 Bitcoin Cash Nodes in Deutschland live). Der Ertrag würde den angerichteten Schaden in keinster Weise rechtfertigen: Man würde ein Milliarden Dollar schweres Gefäß zerschlagen, die Währung Bitcoin, um eine gar nicht oder kaum existente Verbreitung von illegalen Daten abzuwürgen, und man würde, vielleicht noch schlimmer, jede Form von Blockchain oder dezentralen Cloud-Speichern rechtlich unmöglich machen und damit eine Zukunftstechnologie tabuisieren. Darüberhinaus könnte man mit ähnlichen Argumenten auch normale Cloudspeicher verklagen, wenn sie verschlüsselte Speichersätze erlauben, wie auch Tor-Knoten und verschlüsselte Messanger.

Es gibt sehr viele sehr gute Argumente dagegen, dass ein Verbot von Bitcoin wegen in der Blockchain gespeicherter Daten nicht durchkommt. Im Grunde illustriert der Skandal nur einmal mehr, dass Maßnahmen zur Unterdrückung von Information im digitalen Zeitalter nicht funktionieren, und allein der Versuch deutlich mehr Schaden anrichtet, als er einen Nutzen hat.

Aber, was wenn doch, nur als Gedankenspiel? Gibt es Möglichkeiten, das Problem zu beseitigen?

Alternativen

Die einfachste Methode, um unliebsame Daten loszuwerden, ist das Pruning. OP_Return-Nachrichten werden durch den normalen Vorgang des Prunings gelöscht, aber ich weiß nicht, ob sie eine besondere Priorität haben. Ein vollständig geprunter Node, der nur das UTXO-Set enthält, dürfte keine per OP_Return gespeicherten Inhalte haben. Vermutlich ist es auch möglich, Nodes speziell so zu prunen, dass die OP_Return-Nachrichten gelöscht werden.

Schwieriger wird es, wenn der suspekte Content als roher Output abgespeichert wird. Da das gesamte UTXO-Set konsens-relevant ist, kann man die Outputs nicht einfach löschen. Man braucht sie. Eventuell könnte man einen Node so programmieren, dass er bestimmte Outputs in einen Rest-Output zusammenfasst, und diesen für sich selbst als gültig bestimmt, ohne sich dadurch vom Rest des Netzwerks abzukapseln. Wenn das alle machen würden, würde es irgendwann schwierig werden, neue Nodes zu synchronisieren, da die dafür notwendigen Daten immer rarer werden, und es gäbe eine gewisse Gefahr, dass es zu erheblichen Manipulationen käme, etwa von legitimen Transaktionen oder der Geldmenge. Aber als Notlösung für einzelne Jurisdiktionen wäre es eventuell machbar.

Die Autoren des Papers schlagen aber eine andere Alternative vor: Man könnte eine Chamäleon-Hashfunktion benutzen, durch die ein “Maintainer” der Blockchain (oder eine Gruppe von Maintainern) einzelne Transaktionen rückwirkend löschen kann. Die Beratungsfirma Accenture hat bereits 2015 mit diesem Ansatz experimentiert. Die Autoren “empfehlen, eine Diskussion über solche Gegenmaßnahmen für existiernende Systeme, etwa Bitcoin, zu führen.” Allerdings geht die Idee an sich gegen alles, was eine Blockchain zu etwas besonderem macht. Daher ist nicht anzunehmen, dass sie jemals auch nur irgendwie zünden wird.

Den ganzen Artikel findest du hier:Quelle

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